Sonntag, Dezember 14, 2008

Denken unter 150

184 Puls. Die Zone, in der ich nur noch renne. Kein Gedanke, kein denken -- nur kämpfen. Ich laufe gegen meinen Körper an. Längst bin ich im anaeroben Bereich. Ich kann nicht mehr soviel Sauerstoff in meine Lungen pumpen, wie ihn mein Körper benötigt. Ich spüre regelrecht, wie meine Zellen auf Hochtouren laufend die letzten Energien mobilisieren. Alles schmerzt. Warum tue ich mir diesen Berg eigentlich an? Gleich ist Schluss. Noch 23 Sekunden, die muss ich noch durchhalten, irgendwie.

"Wie lautet die Binärzahl von 197?"

Wie bitte? Die Aufgabe hämmert in meinem Kopf. Noch 18 Sekunden. Ich kann jetzt nicht rechnen. Ich schaue auf die Uhr. Noch 16 Sekunden den Körper durch die Qual treiben. Mein Puls fällt ab. Ich kann das Tempo nicht mehr halten. 197 ist kleiner als 256 und größer als 128. Mehr bekomme ich reflexartig nicht hin. Kämpfen steht im Vordergrund. Bei dem Puls kann ich keinen klaren Gedanken fassen. Wie auch? Ich versuche gerade meinen Körper zu bezwingen, das Limit noch für einen Moment aufrecht zu erhalten. Noch 6 Sekunden. Wie langsam die Zeit vergehen kann. Nicht aufgeben. Noch 4 Sekunden. Ja, gleich -- in meinem Kopf tobt der Wahnsinn. Ich kämpfe mit jedem Gedanken gegen all die Körpersignale an, die nicht mehr in 2 Sekunden, sondern sofort aufhören wollen. Da, 0 Sekunden. Erlösung.

Stoppuhr an!

Wie lange dauert es, bis ich einen "Denkpuls" erreicht habe? Bis sich mein Körper soweit von der Belastung erholt hat, dass mein Hirn wieder bereit für Input ist? Dass es bereit ist für eine Aufgabe? Dass es die Aufgabe lösen kann?

Im Moment geht gar nichts. Ich atme tief und heftig. Spucke auf den Asphalt. Luft. Luft. Ich will nur atmen. In meinen Ohren, überall hämmert der Puls. Aber er fällt. Jetzt ist er unter 176. Denken? Nein. Geht nicht. Ich gehe. Die Schmerzen lassen nach. Der ganze Körper lechzt nach Erholung.

Ab welchem Puls kann ich die Aufgabe lösen? Wie lautet die Binärzahl von 197?

Erste Denkreflexe melden sich. 197 ist größer als 128, hatten wir schon, also haben wir "ganz links" eine 1. Ungerade Zahl, also "ganz rechts" eine 1. Sonst? Achja, 8 Bits reichen.

Mehr geht nicht. Mein Puls fällt. So langsam regelt sich die Atmung wieder ein. 160 Puls. Erste Gedanken raten mir zu einem systematischen Vorgehen. Nächste Bitstelle? 64. Was ergibt 128 plus 64. Es fühlt sich nach weniger als 197 an. Wieviel weniger? Eine einfache Addition. Im Kopf -- derzeit unmöglich. Ich brauche noch etwas Pause.

Ich wage einen neuen Versuch. Puls knapp über 150. 128 plus 64 macht etwas mehr als 180, fehlen noch 8 plus 4, also 12. 192, das könnte sein. Ich habe noch kein Vertrauen in meine Denke. Vieles ist mechanisch abgeleitet. Eine echte Kontrolle im Hirn fehlt. Dafür bin ich noch zu sehr aus der Puste.

Ich spekuliere weiter. 128 plus 64 macht 192. Die 197 war gegeben, bleiben 5 übrig. Eine 1 hatte ich schon für das Ungerade-sein spendiert. Bleiben noch 4 übrig. Ok. Bitmuster "ganz rechts" 101, Bitmuster "ganz link" 11. Ich komme etwas zur Ruhe. Bin kurz vor 140 Puls. Jetzt weiß ich's. Ich habe fünf Bitstellen berechnet, noch drei weitere Bitstellen mit Null fehlen. Ergebnis: 11000101. Uff.

Hätte ich mir eine ernstere Aufgabe gestellt, ich bin mir sicher, erst in einem Bereich von 120 bis 130 Puls wäre eine Problemlösung möglich, mit ersten sinnvollen Gedanken um die 140 abwärts.

Angeregt zu diesem (virtuellen) Experiment hat mich das Buch von Josh Waitzkin: The Art of Learning -- An Inner Journey to Optimal Performance, Free Press, 2007. Er beschreibt in diesem Buch seine Lernerfahrungen als junges Schachgenie und später als Kampfsportler. In beiden Disziplinen ist bzw. war er sehr erfolgreich. Wem weder das Schachspiel noch der Kampfsport fremd sind, der wir seine Freude an diesem Buch haben und es vielleicht genauso wie ich verschlingen. Denn faszinierend sind seine Berichte und Einsichten schon, praktisch und anwendbar sind sie auch. So berichtet er unter anderem davon, wie wichtig der Zusammenhang zwischen körperlicher Fitness und der Fähigkeit zu sehr kurzer geistiger Erholung ist -- um Hochleistungen erbringen zu können, geistige ebenso wie sportliche. Es ist auch ein Weg, um bessere Klausuren schreiben und Prüfungen ablegen zu können.

Das ist die eine Buchempfehlung, die ich zu Weihnachten für Sie habe. Die andere ist ein Buch von John Medina: Brain Rules -- 12 Principles for Surviving and Thriving at Work, Home, and School, Pear Press, 2008. Und da erfahren wir, dass schon ein wenig körperliche Ertüchtigung die geistige Performanz boostet. Das ist Regel Nr. 1. Weitere elf Regeln verraten Ihnen noch mehr darüber, wie unser Gehirn tickert und wie wir gut mit ihm umgehen können. Selbst wenn Sie sich für das Buch nicht weiter interessieren, besuchen Sie die Webseite zu den Brain Rules -- es lohnt sich.

1 Kommentar:

Mario hat gesagt…

Sehr schöner Artikel, genau so gehts es mir nämlich auch (fast) immmer. Mein pesönl. Rezept, tief Luft holen und gaaanz laaangsam noch einmal rüber nachdenken, so klappts dann meist auch wieder : )