Freitag, September 06, 2013

Was darf ein eBook kosten?

Die ein, zwei Euro, die ein eBook gegenüber der Papiervariante oft nur billiger ist, sind ein schlechter Handel für seinen Käufer. Mit dem Buch kann ich machen, was ich will -- mit dem eBook nicht! Ein eBook verkaufen, nein, das geht nun wirklich nicht und hat der Leser des Buches auch nicht beabsichtigt, so sieht es das Landgericht in Bielefeld [siehe kLAWtext]. Lassen wir einmal dahingestellt, ob diese Rechtsauffassung bestand haben wird. Fakt bleibt: Nach derzeitiger Lage sind eBooks nur geringfügig billiger als Papierbücher, ohne dass ich das gleiche Verfügungsrecht über ein eBook habe wie über ein "normales" Buch.

Machen wir also die ökonomische Rechnung auf: Das Papierbuch kann ich nach Gebrauch wieder verkaufen, das eBook nicht. Also darf ein eBook nicht teurer sein als Neupreis minus Verkaufspreis des gebrauchten Buchs. Die Rechnung ist schnell gemacht dank des Trade-In-Angebots bei Amazon. Dort kann ich meine gebrauchten Bücher wieder loswerden. Teils zu lachhaften Preisen, aber wir wollen uns einmal an der aktuellen Bestseller-Liste des SPIEGELs (36/2013) orientieren.

Wer mag, kann meine Fleißarbeit hier einsehen; die Trade-In-Preise sind vom 6. September. Die Ergebnisse:

Ein Hardcover-Buch der Beststellerliste kostet rund 20€, der Wiederverkaufspreis liegt bei fast 9€. Das eBook dürfte dann nicht mehr als 11€ kosten, es ist mit durchschnittlich 16€ (Kindle-Preise bei Amazon) überteuert. Hardcover-Sachbücher sind gegenüber der Belletristik etwa 1€ günstiger.

Ein Paperback kostet im Schnitt 15€, es ist für knapp 7€ wieder verkaufbar. Die Belletristik ist nur geringfügig teurer als das Sachbuch. 8€ sollte das eBook höchstens kosten. Die Kindle-Ausgabe verlangt um die 12€. Das ist zuviel!

Für 10€ bekommt man Taschenbücher, die man wieder für knapp mehr als 3.50€ im Schnitt verkaufen kann. Ein eBook-Preis von etwa 6€ wäre demnach angemessen. Das eBook zum Belletristik-Taschenbuch ist mit ca. 9.50€ kaum günstiger als die Papierversion, das eBook zum Taschensachbuch kommt mit 7.50€ der Sache schon näher. Dennoch ist das eBook überteuert!

Ein eBook sollte also nur 11€, 8€ oder 6€ kosten -- je nachdem, ob das Gegenstück in Papier als Hardcover (20€), Paperback (15€) oder Taschenbuch (10€) erschienen ist. Die digitale und die Papierwelt stehen in einem kuriosen Bezug zueinander: Die ökonomisch vernünftigen Kosten des eBook-Preises sind relativ stabil gekoppelt an den Papierbuchpreis; ein angemessener Preis für das eBook liegt bei 60% der Papierfassung. Der Preis eines eBooks orientiert sich an Herstellungskosten für ein Buch, das digital nicht existiert?

Setzen wir dieser kuriosen Logik ein Ende: Für Bestsellerbücher der Kategorie Belletristik und Sachbuch ist nicht verargumentierbar, warum man die derzeitigen eBook-Preise zahlen sollte. Der Autor soll gut entlohnt sein, das Lektorat auch -- und Gewinn darf ein Verlag freilich auch machen. Aber ohne eine digitale Tausch-, Verleih- und Verkaufsbörse für eBooks wird sich kein ökonomisch nachvollziehbares Preisniveau für eBooks einstellen.

Es ist fast sicher, dass der eBook-Markt bei diesen unsinnigen Preisen die eine oder andere Wandlung erfahren wird. Man darf gespannt sein, was z.B. Sascha Lobo mit Sobooks im Schilde führt.





Dienstag, April 16, 2013

Freies Clojure-Buch: Funktionale Programmierung mit Clojure

Lisp und Scheme haben mich schon vor vielen Jahren fasziniert und begeistert. Kein Wunder, dass Clojure sich nicht viel Mühe geben musste, meine Sympathien für diese Sprache zu wecken. Und da ich Lust auf diese ungewöhnliche, funktionale Sprache wecken möchte, begann ich ein Manuskript zu schreiben, das Clojure-Neulingen einen leichten Einstieg bieten möchte.

Das Buch "Funktionale Programmierung mit Clojure" steht Ihnen zum Download zur Verfügung; es steht unter einer Creative Commons-Lizenz, und Sie dürfen es gerne weitergeben. In der nächsten Zeit werde ich das Buch samt LaTeX-Sourcen auf Github zur Verfügung stellen. Wenn Sie das Werk verbessern oder fortschreiben möchten, Sie sind herzlich dazu eingeladen. Auch Kommentare und Feedback sind natürlich gerne willkommen.

Viel Spaß beim Lesen!


Donnerstag, Februar 28, 2013

Die Vorlesung auf den Kopf gestellt: Die "Inverted Classroom Model"-Konferenz ICM 2013 in Marburg

Warum hält heutzutage noch ein Dozent bzw. eine Dozentin eine Vorlesung? Gemeint ist der "Lehrmonolog", in dem einer spricht und viele zuhören und sich das dialogische Moment des Austauschs auf ein Minimum beschränkt. Damit mich niemand falsch versteht: notwendig ist diese Lehrform unbedingt. Es gibt Dinge, die wollen gewusst und erklärt werden. Aber das Format des "Lehrmonologs" ist als Lernform zu wenig. Machen, tun, erfahren, begreifen, explorieren, hinterfragen, ausprobieren, experimentieren -- all das ist nötig, um zu lernen, um Neues beim Lernenden zu verankern. Und das braucht Zeit. Viel Zeit. Zeit, die man nicht hat, wenn man zu viele "Lehrmonologe" hält. Und Lernen braucht den Dialog, die Auseinandersetzung.

Warum also nicht den "Lehrmonolog" auslagern, als Video aufzeichnen, auf Youtube (oder woanders) hochladen und den Studierenden vor der "Vorlesung" zur Verfügung stellen? Genau das ist die Idee des Inverted Classroom Model (ICM), gerne auch Flipped Classroom Model oder Flip Teaching genannt. So kann die "Vorlesung" -- nun befreit vom zeitraubenden "Lehrmonolog" -- genutzt werden für die Aktivierung und die Gestaltung von Lernprozessen. Da der "Lernstoff" ja nicht von sich aus aktiv und dialogisch ist (zum Beispiel sind die Newton'schen Gesetze oder die Maxwell'schen Gleichungen erst einmal nur Formeln), ist nun die Zeit da, den "Lernstoff" in Formen zu gießen, die aktiven Umgang und dialogische Auseinandersetzung mit dem Stoff zulassen und fördern. Und dazu braucht es immer noch den Lehrer bzw. die Lehrerin (das Wort passt nun weit besser als Dozent/Dozentin), der dialogische Lernszenarien entwickelt aber auch als einspringt als Vermittler, wenn die dialogische Auseinandersetzung mit dem Lernstoff ins Stocken geraten ist. Dann besteht eine echte Chance, dass Lernen stattfindet.

Für diese Betrachtungen zur Lehre gab es wunderbare Anregungen auf der Konferenz zum Inverted Classroom Model (ICM 2013) in Marburg, die ich am 27. Feb. besucht habe. Jörn Loviscach, FH-Prof aus Bielefeld und unumstrittener ICM-Star mit seinen Lehrvideos auf Youtube, erläuterte, wie er Videos produziert und welche Erfahrungen er damit gemacht hat (Link zum Vortragsvideo). Brian E. Bennett, Schullehrer aus den USA, zeigte mit Bezug auf Dan Meyer sehr eindrucksvoll, wie man Lehrinhalte in hochgradig dialogische Formen bringen kann; teils lässt sich das sehr schön mit Videos oder Fotos machen, die aber alles andere als "Lehrmonologe" sind. Daniel Bernsen, Lehrer aus Koblenz, ergänzte das mit interessanten Erfahrungen aus dem Geschichtsunterricht.

Im Workshop mit Christian Spannagel (Prof an der PH Heidelberg) war sehr schön zu erfahren, mit welchen Werkzeugen ein "Methodenkoffer" zur Lehre gefüllt werden kann, wenn denn der Lehrinhalt zuvor per Video vermittelt wurde (Folien-Link). Beispiele sind Audience Response-Systeme, das "Listen, Think, Pair, Share"-Modell von Lyman und die Idee des "Aktiven Plenums". Sehr interessant war auch der Workshop zu Audience Respone-Systemen (ARS) von Leonie Wiemeyer und Andrea Röhr. Die Möglichkeiten der ARS sind ganz neue geworden, seitdem die Studierende Laptops, Tablets oder Smartphones in die Vorlesung mitbringen. Wer ein ARS ausprobieren möchte: ars.thm.de der Technischen Hochschule Mittelhessen.

Natürlich ist das ICM ein Baustein auf dem Weg zu anderen Lehrkonzepten, aber es ist keine Lösung für alles. Herr Loviscach lässt es an Deutlichkeit nicht Mangeln. Seit einigen Semestern straucheln seine Mathe-Studierenden bei einfachsten Grundlagen: es hapert schon bei der Bruchrechnung. Neu im vergangenen Semester sei die Unkenntnis von "Punkt- vor Strichrechnung". Er ist mit solchen Beobachtungen nicht allein, ich mache sie auch -- nur gesprochen wird darüber kaum. Was ist los mit unserem Bildungssystem in Deutschland?

Und wenn wir schon dabei sind: Warum müssen wir den Studierenden nun Videos präsentieren? Leistet das Lehrbuch oder das Manuskript zur Vorlesung nicht ebenfalls beste Dienste? Auch darauf antwortete Herr Loviscach einmal in einem gänzlich anderen Vortrag: Würde er auf das Lesen der Texte zur Vorbereitung bestehen, er würde noch mehr Studierende abhängen? Armes Deutschland: Hat der Verfall der Lesekultur begonnen?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich glaube, den Streit um den Verfall der Lesekultur muss man an dieser Stelle nicht führen. Unbestreitbar ist der "Lehrmonolog" in Textform nicht zu verachten. Aber es gibt auch gute Gründe für das Video. Es ist, wie der Text, ein lineares Medium, dabei aber deutlich weniger geeignet für schnelles, ungenaues "drüberlesen" und bedient zwei Kanäle gleichzeitig: man höhrt zu, sieht Geschriebenes und Zeichnungen. Das bindet Aufmerksamkeit und Konzentration. Wenn man dann geschickt Pausen einbaut mit z.B. kurzen Testfragen, dann nutzt man eine "Lerndramaturgie", die dem Textmedium abgeht.

Das "Inverted Classroom Model" baut ein Spannungsfeld auf, das überdeutlich die Notwendigkeit von gut ausgebildeten Lehrenden einfordert: Die Wissensvermittlung per Video skaliert hin zu beliebig vielen Studierenden. Das ist "Massenlehre" genauso wie das Fernsehen oder Youtube Massenmedien sind. Praktisch, quadratisch, gut! Das Lernen selbst bleibt jedoch ein individueller Vorgang. Und noch sind wir in der Lehre meilenweit davon entfernt, gescripted (will sagen: automatisiert) Lernprozesse zu inszenieren, die massentauglich und individuell zugleich sind. Das ICM fordert noch mehr als zuvor nicht nur medien- sondern auch methoden-kompetente Lehrende ein.

Wobei wir bei einem weiteren Problem sind: Die Klausur als Messinstrument von Bildungsleistungen zeigt sich nur begrenzt kompatibel mit einem Lehrmodell, das die dialogische Auseinandersetzung mit Lernstoffen einfordert. Wenn es am Ende doch nur noch darum geht, stumpfe Rechenaufgaben zu lösen oder vorgefertigte Lösungstexte in einem geschickten Remix zu reproduzieren, dann bremst das erheblich die Motivation, sich als Student(in) auf aktivierende und zeitraubende "Lernspielchen" einzulassen. Prüfungs- und Lehr- und Lernformen müssen kohärent sein, aufeinander passen.

Zum Schluß der Konferenz fragte Jürgen Handke, Linguistik-Professor und Organisator der ICM 2013: Warum treiben Pädagogen Lehrmethoden wie das ICM und deren Verbreitung nicht voran? Und mich betrübt, als sich eine Lehramtstudentin zu Wort meldet und sagt: sie habe in ihren bisherigen vier Semestern eigentlich keine Pädagogik erlernt -- und Schule zeige sich sehr resistent gegenüber neuen Lehrformen; sie dürfe dort Experimente wie das ICM nicht ausprobieren.

Sehr gefreut an der Konferenz hat mich die offene Atmosphäre. So habe ich nicht nur nette Gespräche mit Matthias Uhl und Gesine Torkewitz geführt. Besonders gefreut hat mich auch der gemeinsame Abend mit Christian Spannagel im Cafe Barfuß. Wir haben lange über Consize und die Möglichkeit der Gamifizierung in der Informatik-Ausbildung gesprochen.

Donnerstag, Januar 17, 2013

Der 4HWW-Starprogrammierer

Der Bestseller "The 4-Hour Workweek" (4HWW) von Tim Ferriss (zu deutsch erhältlich unter dem Titel "Die 4-Stundenwoche") hat einen Trend der IT-Szene, das Outsourcing, aufgegriffen und zum persönlichen Lebensthema gemacht. Die Befreiung von einem festen Arbeitsort und festen Arbeitszeiten und die Delegation einfacher, fest umrissener oder klar definierter Aufgaben an persönliche Agenten aus Billiglohnländern, das scheint gerade Menschen mit Bezug zur IT-Szene anzuziehen. Denn in kaum einem anderen Bereich lässt sich diese Vision von einem frei bestimmten aber dennoch finanziell ertragreichen Leben so pointiert verkaufen. Die Idee von Tim Ferriss gipfelt darin, eine profitable und hochgradig selbstgesteuerte Geschäftsidee umzusetzen, die einen kontinuierlichen Einkommensstrom bei geringstem Betreuungsaufwand generiert; damit sind die im Buchtitel proklamierten 4 Stunden pro Woche gemeint.

Diese Vision hat offenbar viele Menschen fasziniert und zum Kauf des Buches animiert -- auch mich hat das Buch von Tim Ferriss in den Bann gezogen und vieles überdenken lassen. Alleine die Frage, wie man die eigene tägliche Arbeit so organisiert, dass sie fast beliebig skaliert, hat einen unternehmerischen Produktivansatz, der nicht zu verachten ist! Wo die -- um es betriebswirtschaftlich auszudrücken -- Wertschöpfungsketten im (Arbeits-)Leben liegen, wo man Prozesse einführen und delegieren kann, wie man mit Verantwortung und Entscheidungsfindung umgehen möchte, wie man ein Mehr bei gleichem Aufwand bewältigen kann, welche Vision einen umtreiben, was man eigentlich will -- all das sind Fragen, bei denen einen allein die Suche nach Antworten ungemein bereichern kann.

Doch es gibt auch Menschen, die mit der Idee der 4-Stunden-Arbeitswoche ernst machen. Dieser Tage geisterte ein Bericht von einem "Starprogrammierer" einer Firma durchs Netz, dessen Starkult auf den Leistungen eines Entwicklers aus China beruht. Er ließ sein Tagwerk in China erledigen und verbrachte seine Arbeitszeit mit ausgiebigen Streifzügen im World Wide Web.

A security audit of a US critical infrastructure company last year revealed that its star developer had outsourced his own job to a Chinese subcontractor and was spending all his work time playing around on the internet.

Der beschriebene Fall ist in "The Register" derart überzeichnet dargestellt (von dort stammt auch das Zitat, auch heise.de berichtet davon), dass ich mir nicht sicher bin, ob nicht gar die ursprüngliche Meldung von Verizon Fiktion und Non-Fiktion vermischt. Doch selbst wenn: Das Szenario ist mehr als denkbar, es ist gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass irgendwo auf der Welt jemand genau das getan hat oder gerade tut.

Natürlich ist es ein Unding, dass jemand ohne das Einverständnis seiner Firma einen Subkontraktor mit der übertragenen Arbeit beauftragt. Es sollte allerdings einer Firma zu denken geben, dass ein Mitarbeiter offenbar durch eine deutlich billigere (und vermutlich qualifiziertere) Arbeitskraft ersetzt werden kann. Vielmehr noch: Der "Starprogrammierer" selbst hätte sein Arbeitsmodell auch als Geschäftsmodell realisieren können und sich damit nicht strafbar gemacht. War da jemand zu geldgierig?

Wenn Sie die Idee der 4-Stunden-Arbeitswoche fasziniert, dann machen Sie's richtig und nicht so stümperhaft wie unser Fallbeispiel mit anschließender "Dauerfreizeit" in der Haftanstalt. Ein Beispiel finden Sie in brand eins 08/2012: "Die Freigeister".