Mittwoch, September 26, 2007

Vom Zählen und vom Sehen

Mein ältester Sohn, bald sechs Jahre alt, hat die vergangenen Tage die "großen Zahlen" für sich entdeckt. Genauer gesagt, er entdeckt das Regelsystem, nach dem Folgen von Zahlen ausgesprochen werden: 3-2-0, dreihundertzwanzig; 1-4-0, einhundertvierzig. Es ist beachtlich, wie hart ein kleines Menschenkind daran üben muss -- einem Computer wäre das in Kürze beigebracht. Ein kurzes Programm würde für immer und ewig "große Zahlen" richtig in Wortfolgen übersetzen. Meinem Sohn müssen wir die Regeln wieder und wieder erklären. Es bewahrt ihn nicht vor Fehlern. Ein mühsamer Prozess, der spielerisch umgesetzt zwar Spaß macht, aber eines schön verdeutlicht: unsere Hirne sind nicht gerade für solche Regeln gemacht.

Auf der anderen Seite habe ich noch keinem meiner Kinder erklären müssen, wie die Regeln fürs Sehen funktionieren. Noch besser, ich kenne sie selber nicht. Innerhalb kürzester Zeit weisen Kinder Fähigkeiten in der Verarbeitung von Bildern auf, die wir bislang weder mit Hochleistungsrechnern noch ausgefuchsten Algorithmen nachbilden können. Die Mühelosigkeit, mit der wir uns in der Welt bewegen und mit unseren Sinnen orientieren können, ist purer Hohn für all die kläglichen Versuche, Computern menschliche Fähigkeiten angedeihen zu lassen. Geht es aber bereits um einfache Regelsysteme, stechen uns die Computer wiederum gnadenlos aus. Auf ihre Weise verstehen es Computer, uns beim Schach den Rang abzulaufen -- da findet ein spannendes Kräftemessen zwischen der Arbeitsweise von Neuronen und der von Computern statt.

Interessanterweise gibt es aber immer wieder Menschen, die ebenfalls mit solchen Regelsystem ausgezeichnet umzugehen wissen: Mathematiker oder Physiker zum Beispiel. Aber auch Musiker. Zum Teil sind es extreme Einzelbegabungen. Faszinierend daran ist, das neuronale Netze auch so etwas beherrschen können. Was ist es nur, was neuronale Netze zu solchen "formalen Leistungen" befähigt? Ich weiß es nicht.

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