Dienstag, März 04, 2008

Der freie Wille


Bild von hcm80

Wie frei sind wir Menschen eigentlich in unseren Entscheidungen? Kann eine Maschine, ein Computerprogramm einen "freien Willen" haben? Was überhaupt ist die willentliche Freiheit der Entscheidung?

Nähern wir uns den Fragen aus der Sicht der Informationstheorie. Die moderne Informationstheorie begründet sich auf Claude Shannon. Shannon sagt, vereinfacht gesprochen: Je überraschender ein Ereignis ist, desto höher ist sein Informationsgehalt. Ein Beispiel: Jeden Morgen sehen Sie auf dem Weg zur Arbeit einen Mann mit einem roten Schal an der Bushaltestelle stehen. Immer der rote Schal. Schal und Mann scheinen ein untrennbar zu sein. Es überrascht sie wenig, ihn jeden Morgen mit dem roten Schal zu sehen. Sie erwarten es regelrecht. Der rote Schal ist keine Neuigkeit, keine Information mehr für Sie. Er gehört einfach dazu. An einem Morgen, Sie erinnern sich noch genau, es war der 1. Mai, da steht er plötzlich da mit einem grünen Schal. Große Überraschung, hoher Neuigkeitswert. Diese Überraschung verstehen wir im Sinne von Shannon als Information.

Die Überraschung, oder anders herum, Ihre Erwartung hängt zusammen mit der Wahrscheinlichkeit des Ereignisses. Eine hohe Wahrscheinlichkeit drückt Ihren Erwartungswert aus. Tritt das Ereignis im Rahmen Ihrer Erwartungshaltung auf, dann sind sie nicht überrascht. Geringer Informationswert.

Schauen wir uns nun einmal an, was wir aus dieser Sicht als "freien Willen" verstehen könnten:

Nehmen wir Ihre Freundin Alica. Sie kochen für sie und machen ihr drei Teller fertig: einen Teller mit Spaghetti ohne alles, einen Teller Spaghetti mit Tomatensauce und einen Teller Spaghetti mit Tomatensauce und Parmesan. Sie wissen, dass Alica weder ein "trockenes" Essen noch Käse mag. Ihre Erwartung ist, dass Sie den Teller mit der Tomatensauce nehmen wird. Und so ist es dann auch!

Hat sich Alica frei entschieden? Aus Ihrer Sicht hat sich Alica gemäß Ihren Erwartungen verhalten. Das wirkt auf Sie nicht so, als sei Alica frei in Ihrer Entscheidung gewesen. Sie hat sich genommen, was sie mag, und gemieden, was sie nicht mag. Sie hat sich vollkommen inneren Antrieben für Vorlieben und Abneigungen hingegeben. Eigentlich konnte Alica gar nicht anders!

Alica hätte sich frei in der Entscheidung gezeigt, wenn sie z.B. zur Variante mit dem Parmesan-Käse gegriffen hätte. Das hätte Sie sehr überrascht -- und wäre eine echte Neuigkeit gewesen.

Die Freiheit einer Entscheidung begründet sich für einen Außenstehenden also damit, wie sehr sich jemand gegen Erwartungen verhält. Der Erwartungswert drückt Ihre Kenntnis aus über Motive, Vorlieben, Wünsche, Sehnsüchte und bisherige Erfahrungen mit der Person, die Sie gemacht haben.

Und wie kann sich Alica "frei" verhalten? Indem sie Ihre Erwartungshaltung durchbricht. Indem sich Alica gänzlich anders verhält als erwartet. Die Überraschung ist umso größer, je mehr Alicas Verhalten Neuigkeitswert hat.

Da wir Menschen aber nur einen sehr schlechten Zugang zu unsere Innenwelten haben, können wir uns nicht sicher sein, wie wir eine Entscheidung gegen Erwartungen fällen sollen -- außer, man nimmt einen Würfel! Genauer, einen gezinkten Würfel, der seine Seiten genau gegenläufig zu den Erwartungen zufällig oben zum liegen kommen lässt.

Das irritiert, nicht wahr? Aber es ist eine konsequente Sicht der Dinge mit den Augen der Informationstheorie.

Freiheit ist der Moment, an dem wir uns willentlich gegen erwartete Verhaltensmuster entscheiden und einen Würfel zur Hand nehmen, der uns aus den Möglichkeiten der Optionen per Zufall eine raussucht. Sie haben richtig gelesen: Sie müssen würfeln! Freiheit wird dann gelebt, wenn diese zufällige Entscheidung ohne Leid, ohne Reue, ohne Bedauern genauso gelebt werden kann wie jede andere Wahl, die der Würfel getroffen hätte!

Wie bitte, sich dem Zufall unterwerfen ist Freiheit? Das gelegentliche, willentliche "unterwerfen" ist Freiheit, denn sonst verhielten Sie sich nur zufällig. Wobei der Begriff "Unterwerfung" schon falsch ist. Ein freier Mensch unterwirft sich nicht, er lebt jede Option in gleicher Weise. Sonst ist er nicht frei, oder? Das höhrt sich schon sehr nach östlicher Philosophie an!

Nichts gegen östliche Philosophien. Aber wenn Sie mich fragen, ich verzichte auf die Freiheit und esse lieber immer nur Spaghetti mit Tomatensauce!

Und genau da sind wir an dem Punkt angelangt: Ich bin nicht wirklich frei zu essen, was man mir vorsetzt. Ich habe Vorlieben. Ich bin berechenbar. Nun kann man sich fragen, wie weit man das Spiel treiben möchte: Ist Ihr Hobby eine freie Wahl? Ist Ihr Partner bzw. Partnerin frei gewählt? Ist Ihre Ausbildung, Ihr Wohnort, Ihre Automarke, Ihr DVD-Player, ist das alles eine Wahl des freien Willens? Wie oft haben Sie gewürfelt bzw. würfeln lassen?

Wenn man meiner Argumentation folgen mag (mir ist selbst nicht ganz wohl dabei), dann können wir Software-Programmen relativ leicht freien Willen einpflanzen. Wir lassen sie an einigen Stellen einfach gelegentlich würfeln und provozieren unerwartete Verhaltensweisen. Und schon wählt der Computer Spaghetti mit Parmesan -- und hat nicht einmal ein Problem damit!

Ein Zufallssimulator aus Software verhält sich zwar nicht wirklich zufällig. Sein Verhalten ist vorhersehbar, wenn man den Wert zur Initialisierung des Simulators kennt -- auch seed genannt. Man nennt es also nicht umsonst einen Simulator. Insofern ist der "freie Wille" in einer reinen Software-Maschine auch nur eine Simulation. Diese Simulation verhält sich aber freier als wir es sind.

Laut Gerhard Roth, einem anerkannten Hirnforscher, ist unser "freier Wille" vermutlich mehr Illusion als uns lieb ist. So sollten wir froh sein, dass wir wenigstens Computer frei sein lassen können. Vielleicht sind Computer nicht willentlich frei, aber immerhin frei -- wenn wir ihnen die Freiheit gewähren.

Gruseliger Schluss, was?!

Kommentare:

hansc hat gesagt…

Die Willensfreiheit des Menschen ist sicherlich insofern groesser, als er sich entscheiden kann, ob er sich entscheiden will, oder ob er die Entscheidung ablehnt, und somit aus diesem System ausbricht.

Aber das hat mit dem freien Willen ja eigentlich viel weniger zu tun, als die Intuition vermuten laesst. Von der Eleganz eines Stueck Codes fasziniert zu sein, oder einen Blogeintrag als Kiffergelaber zu entlarven, das sind fuer mich die Auswuechse eines freien Willens.

Freu mich auf den Tag, wenn Computer das koennen. Wuerde viel Zeit sparen.

Die Grinsekatze hat gesagt…

Es stellt sich die Frage, ob die viel besungene und von vielen erstrebte Freiheit tatsächlich das ist, was diese sich unter ihr vorstellen.

Denn wirkliche Freiheit bedeutet a b s o l u t e Autonomie, die aufgrund diverser Prägungen durch Erziehung, Medien und andere äußere Einflüsse nur im Idealzustand zu erreichen ist. Was hinzukommt ist das "schwache Fleisch", das unser Denken beispielsweise durch Traditionsbewusstsein beschränken kann - oder es dadurch einschränkt, dass wir brutal und konsequent aus Traditionen oder erwarteten Entscheidungen ausbrechen möchten, wodurch wir trotz allen Freiheitsgefühls erst recht wieder eingeschränkt sind, da wir dadurch doch wieder unsere Handlungsmöglichkeiten begrenzen.

Die Freiheit eines Computers ist begrenzt auf die Welt, die ihm zur Verfügung gestellt wird. Wirklich frei wäre er noch nicht einmal, wenn er zusätzlich zu den Nudelgerichten auch Pommes mit Ketchup oder jede andere bekannte Speise wählen könnte - denn was wäre, wenn er keinen Hunger hätte?

bernoulli hat gesagt…

Zum Mann mit dem Schal ... Ihn am 1. Mai mit einem Schal anderer Farbe zu sehen muss nicht notwendigerweise überraschen - es ist schließlich ein Feiertag. (Wir nehmen vereinfachend an, auch an diesem Tag zur Arbeit zu gehen.)

Zu Alicia ... Sie hätte sich frei entschieden, wenn sie keines der Gerichte gewählt und etwas anderes gegessen hätte. DAS wäre (vermutlich) eine echte Neuheit gewesen.

Die "Freiheiten" beschränken sich auf eine endliche Anzahl vorgegebener Alternativen. Das gilt für Mensch wie Computer. Einem Menschen sind diese Einschränkungen nicht immer deutlich bewusst - aber sie sind vorhanden.

Provokante Abschlussthese: Wahre Freiheit gibt es nur in der Mathematik!

dh hat gesagt…

Bernoulli, Sie machen mir immer wieder Spaß mit Ihrer Freude an der Genauigkeit.

Der 1. Mai ist natürlich ein Fauxpas, der mir verziehen sei. Muss ich mir gleich in den Kalender eintragen ;-)

Und es stimmt: Ich habe den Optionsraum von Alica willkürlich begrenzt, um die Argumentation übersichtlich zu halten. Im Kern bleibt es bei Handlungsoptionen und assoziierten Erwartungswerten. Richtig unübersichtlich wird's, wenn man (a) den Faktor Zeit berücksichtigt, Handlungsoptionen verändern sich über die Zeit, und sich (b) die Frage stellt, wie Handlungsoptionen überhaupt entstehen. Ich war so frei, das zu ignorieren :-)

Ihre Abschlussthese finde ich sehr verführerisch! Wir kommen vielleicht zusammen mit dem folgenden Gedanken: Nehmen wir einen Computer als eine in der physikalischen Realität verhaftete Maschine zur Ausführung eines formalen Systems. Ein Computer also als die bestmögliche Annäherung an das Ideal der Freiheit in der Mathematik!

ek hat gesagt…

Interessant wäre es, ob Fehler die Steigerung von freiem Willen sind. Wenn freier Wille dem Zufall entspricht, dann sind Fehler Zufälle, die wir nicht einmal erwartet hätten, weil wir sie nicht durch Würfeln verursacht haben.

Interessant ist auch der reine Zufall, den man aus der Quantenphysik kennt. Eine der vorrherschenden Deutungen hier ist, dass identische Experimente unterschiedliche Ergebnisse produzieren können, also der Determinismus an seine Grenze stößt.
Vielleicht treffen wir manche Entscheidungen aufgrund vom zufälligen Zerfall eines Atoms, der nie hätte vorhergesagt werden können, weil er sich keinem kausalen Zusammenhang unterwirft. Unser Computerprogramm wird das wohl nicht schaffen.

dh hat gesagt…

Über das Thema "Fehler" hatte ich auch nachgedacht. Kein größeres Programm ist fehlerfrei. Insofern wirken Abweichungen vom erwarteten Programmablauf wie Zufälle. Dem Programm wurde unfreiwillig ein freier Wille einprogrammiert. Nur -- und da liegt der Haken -- wiederholt das Programm die Fehler und wird in der Verhaltenswiederholung wiederum unfrei.

Übrigens gibt es schon kleine Kästchen, die man als Zufallszahlen-Generator an den Computer anschließen kann. Darin werden schwach-radioaktive Vorgänge gemessen, um echte und nicht nur simulierte Zufallsvorgänge als Input für den Rechner zu haben.

Anonym hat gesagt…

Hallo,
ich bin von Beruf Arzt und der festen Überzeugung, daß der "freie Wille" mithin die größte aller Illusionen ist. Es gibt verifizierte Studien an durch Suizd verstorbenen depressiven Ptienten, die nachweisen, daß ein bestimmter Neurotransmitter im Gehirn im Laufe der Depressionserkrankung abnimmt. Es gibt dabei eine kritische Schwelle, wird diese nach unten hin durchbrochen, dann bringt sich der Patient um. Bei sämtlichen Suizidpatienten lag dieser Wert ausnahmslos unter , bei allen schwer Depressiven, die noch lebten, oberhalb dieser Schwelle. Der "Freitod" ist also kein freier Wille sondern eine Frage der An/Abwesenheit von ein paar ng /mg Substanz im Gehirn mehr oder weniger.Ich bin mir sicher, daß sogar die "freie Entscheidung" sich mit der Thematik "Freier Wille" zu beschäftigen aus einem ganz bestimmten mengenmäßigen Neurotransmitterverhältnis resultiert.( Apropos: "Kann Gott einen Stein erschaffen, der so groß und so schwer ist, daß nichtmal er selber ihn tragen kann? Allmächtiger ......!?
sunny (geniomed ät gm-x deeh )

Anonym hat gesagt…

Kann ich nicht im geringsten nachvollziehen, insofern als dass es keinen Zufall gibt.

Anonym hat gesagt…

Der freie Wille wird ultimativ durch den Determinismus von Naturgesetzen beschrieben.

Unterliegt der freie Wille den Naturgesetzen - nehmen wir hier das Gehirn mit Neuronen und Neurotransmittern - und sind diese Gesetze deterministisch, so ist auch der freie Wille unfrei.

Spätestens hier gelangt man wieder zur Welt der Quantenphysik. Glaubt man an deren Undeterminusmus und erlaubt man dem Zufall in der Quantenwelt makroskopische Auswirkungen, so wird auch das Gehirn und damit der Wille unvorhersehbar.

Lustigerweise ergibt also auch hier die Konsequenz: freier Wille nur durch echten Zufall.

Aber vielleicht scheint die Quantenphysik nur undeterministisch und folgt deterministisch nur Naturgesetzen die wir bisher nur noch nicht entdeckt haben.

Als kleiner - nicht ganz ernster - Verweis: Das Global Consciousness Projekt

Angeblich verhalten sich "echte" Zufallszahlengeneratoren nicht so zufällig wie sie sollten, wenn globale Ereignisse die Aufmerksamkeit der Welt auf sich lenken :-)

Schöne Grüße,
Frankenst1

P.S. Das Blog ist echt klasse!