Donnerstag, November 17, 2011

Das Kanban-Board des Steve Jobs

War Steve Jobs ein Anhänger der Kanban-Methode? Ja, ich glaube schon. Er hat Kanban gewissermaßen praktiziert. Anders zwar, auf seine Weise, aber es hat ihm einen Überblick über den aktuellen Arbeitsstand bei Apple samt einem Blick in die Zukunft ermöglicht.

Doch zunächst: Was ist Kanban?

Kanban ist eine der jüngsten agilen Methoden der Software-Entwicklung. Eine zentrale Stellung nimmt dabei das sogenannte „Kanban-Board“ ein. Als Kanban-Board dient z.B. eine (magnetische) Tafel oder eine Pin-Wand. Darauf finden sich Karten angeheftet. Die Karten repräsentieren Arbeitspakete; sie weisen einen Titel für das Arbeitspaket aus, den Namen der Person, die mit dem Arbeitspaket befasst ist, das Datum der Deadline etc. Das Kanban-Board ist in Bereiche unterteilt, die ein Spiegelbild des Entwicklungsprozesses sind. So gibt es Bereiche die beispielsweise "Inkubation", "Analyse", "Entwicklung", "Test" und "Abnahme" heißen. Die Verteilung der Karten in den Bereichen gibt die aktuelle Situation der Arbeitspakete in den einzelnen Arbeitsschritten wider. Das Kanban-Board ist nicht nur eine Dokumentation des Status quo, sondern dient auch als Steuerinstrument, um sicher und ohne Überlastung den Entwicklungsprozess zu durchlaufen -- und fordert dabei die stete Auseinandersetzung mit der Frage heraus "Was können wir besser machen?".

Kanban-Boards verfehlen leicht ihren Sinn und Zweck, wenn sie ein virtuelles Leben führen. Den Kanban-Vertreter(inne)n ist ein physisches Board sehr wichtig. Da soll was an der Wand hängen und für alle Beteiligten unübersehbar sein. Jeder soll über den aktuelle Arbeitsstand im Bilde sein. Das Kanban-Board soll auch Treffpunkt sein für kurze Treffen zur Abstimmung über die zu erledigende Arbeit, für den Austausch über Probleme, Rückstände oder Fortschritte.

Das Kanban-Board des Steve Jobs lag in einem Gebäudeteil auf dem Apple-Campus, im Design-Studio von Jonathan ("Jony") Ive, dem Chefdesigner von Apple. Es war weniger ein Board, als denn eine Reihe von langen Stahltischen, die in einem großen Raum aufgestellt waren. Auf den Tischen lagen echt aussehende Design-Modelle der laufenden Arbeiten. -- Das ist nachzulesen in Kapitel 25 der nach dem Tode von Jobs erschienenen Biographie "Steve Jobs" von Walter Isaacson, auf Deutsch veröffentlicht im C. Bertelsmann-Verlag. Die nachfolgenden Seitenangabe beziehen sich auf diese Ausgabe.

Jobs kam praktisch täglich in das Design-Studio von Ive und hatte dabei seine "Kanban-Tische" direkt im Blick. Er sah dort alle in Planung befindlichen Produkte und "konnte direkt erspüren, ob und wie sie in die Strategie von Apple hineinpassten. Er konnte mit seinen Fingern das in Entwicklung befindliche Design befühlen und begreifen." (S.405) Oder, um Ive sprechen zu lassen: "Dieser große Raum ist der einzige Ort in der ganzen Firma, wo man sich einfach nur umzuschauen braucht und alles sieht, was wir gerade in Arbeit haben." (S. 406)

Genau das ist die Funktion eines Kanban-Boards! Steve Jobs hatte von Software-Entwicklung und Hardware-Bau kaum Ahnung -- ganz im Gegensatz zu Bill Gates. Bei ihm war das Design, das Aussehen, die Formgebung seiner Produkte derart zentral, dass er alles dem Design unterwarf und das alles mit dem Design verwoben war. Mit dem Design began und endete alles. Insofern ist es nur konsequent, "Kanban-Tische" im Fall von Jobs zu haben. Für einen Außenstehenden standen dort "nur" Design-Modelle. Für ihn manifestierte sich in den Design-Modelle der gesamte Entwicklungsstand seiner Produkte. Auf einen Blick! Was für ein großartiges Management-Tool!

Kommentare:

Klaus Breyer hat gesagt…

Ich habe vor einigen Wochen bei uns in der Entwicklung auch ein Kanban-Board eingeführt. Kurz darauf wurde das auch von dem Konzeptions-Department übernommen ;-)

Platzhirsch Scrum lässt sich im Agenturgeschäft meiner Meinung nach nur schlecht einsetzen. Wir arbeiten mit X Menschen an Y Projekten für Z Kunden. Wobei X deutlich kleiner als Y ist und Sachen zum Teil lange in Warteschleifen und Abstimmungsprozessen sind.

Scrum ist ja nun ziemlich auf ein einzelnes Produkt fokusiert. Natürlich, man könnte auch eine Summe von Teilprojekten als eigenes Produkt sehen. Allerdings blöd wenn diese von verschiedenen Kunden sind.

Der Vorteil von Kanban ist, dass jeder Prozess von "Knowledge"-Arbeitern abbildbar ist.
Meine Freundin hat es inzwischen auch bei sich im auswärtigen Amt eingeführt (Non-IT: Kultur-something Reiseplanungen)

dh hat gesagt…

Ich habe ähnliches beobachtet, lieber Herr Breyer. Momentan betreue ich eine Bachelor-Thesis bei einem Software-Unternehmen, das mittlerweile durchgängig per Kanban gesteuert wird. Der "virale" Effekt von Kanban ist bemerkenswert.

Anonym hat gesagt…

Mich verwundert es nicht, dass Kanban einen recht viralen Effekt hat. Schließlich ist es um einiges "ehrlicher" als manch andere Management Methode.

Es ist im Grunde genommen Buttom-Up und nicht Top-Down und da muss man sich wenig Gedanken darüber machen, wie man eine Weg zu einem Produkt vernünftig "faked" (Lesenswert: "A rational design process: How and why to fake it")

Anonym hat gesagt…

Zwar ein Blog-Artikel von 2006, doch nach wie vor interessant, da Googles Software Entwicklungszyklus anschaulich dargestellt wird und auf Ungereimtheiten von Agilen Methoden eingegangen wird.

Stevey's Blog Rants: Good Agile, Bad Agile