Montag, August 04, 2008

Im Kampf gegen Monstersysteme


Im Urlaub war es wieder soweit: Das, was wir Informatiker den Menschen um uns herum so zumuten, das machte mir ein fürchterlich schlechtes Gewissen.

Was war geschehen? Eigentlich nichts spektakuläres. Die Vermieterin unserer Ferienwohnung brauchte Hilfe bei der Einrichtung ihres neu erworbenen Laptops. In drei Stunden war der Rechner mit Windows Vista hergerichtet, die neuesten Updates installiert, Flash Player, Adobe Reader, OpenOffice nachgerüstet -- das Übliche halt. Schon dabei wurde mir ganz mulmig.

Und dann, am nächsten Abend, begann ich der guten Frau eine Einführung in Vista zu geben. "Hier klicken, da klicken, gucken Sie mal, alles ganz einfach, dann hier klicken, da klicken. Huch, die Firewall meldet sich. Wissen Sie, was das ist? Nein? Egal, hier klicken, da klicken, dann geht's weiter. Lassen sie sich von sowas nicht irritieren." Was fühlte ich mich elend. "Wenn Sie Ihre Kochrezepte anschauen wollen, hier klicken, da klicken, sehen Sie, OpenOffice startet, dann hier klicken, da klicken. Voilà. Einfach, gell?" Und ich wusste, dass ich log. Nix einfach! Ganz und gar nicht einfach. Da sitzt eine ältere Frau neben mir, die ich in einer Informationsflut ertränkte, die gerade einmal ins Internet möchte, EMails und Briefe schreiben will, vielleicht einmal mit Videotelefonie übers Internet Familienkontakte pflegen möchte und ansonsten an die Archivierung und den Ausbau ihrer Sammlung von Kochrezepten denkt.

Wozu muss so jemand ein komplexes Betriebssystem erlernen? Was belästigen wir die Menschen mit der Nachfrage zu Software-Updates? Welche Arten von Entscheidungen verlangt da eigentlich eine Firewall? Warum muss Otto-Normal-Verbraucher erst einen VHS-Kurs zu OpenOffice machen, bevor er oder sie sich einigermaßen in den Büro-Programmen zurechtfindet?

Warum in aller Welt sind unsere Betriebssysteme, Browser und Anwendungen so kompliziert?

Wir sind's selber schuld! Wir erschaffen wahre Monster, derer wir selber nicht mehr Herr sind. Auf dem "Workshop on Self Sustaining Systems (S3) 2008" am Hasso-Plattner-Institut (HPI) illustrierte Ian Piumarta Mitte Mai als Invited Speaker die Komplexität heutiger Systeme anhand folgender Zahlen: Windows Vista besteht seinen Angaben zufolge aus 50 Millionen Zeilen Programmcode, Mac OSX aus 86 Millionen Zeilen, OpenOffice aus 10 Millionen Zeilen Code (Links zum Foliensatz und zum Talk "Late-bound Object Lambda Architectures" als Video). Solche Systeme sind allein ihrer schieren Größe wegen von einem Entwickler bzw. einer Entwicklerin nicht mehr überschau- und verstehbar. Kein Wunder, das ein BugFixing das nächste jagt und manche Probleme oder Fehler über Monate, wenn nicht gar Jahre, im System bleiben, obwohl sie bekannt sind.

Kann es sein, dass wir den Bau solcher Systeme grundlegend falsch angehen? Piumarta glaubt, dass das alles viel einfacher geht, gehen muss, dass es auch mit 20.000 Zeilen Code möglich sein muss, eine Umgebung auf einem Rechner zu erstellen, die all das abdeckt, was moderne Betriebssysteme bereitstellen. Mit 20.000 Zeilen Code ist eine Größe erreicht, die einem 400 Seiten-Buch entspricht. Ein Umfang, der von einem Menschen in wenigen Wochen vollständig erfassbar und verdaubar ist.

Ich glaube, dass Piumarta mehr als Recht mit seinem Anliegen hat. Die Systeme, die wir heutzutage bauen, sind zu komplex. Es geht einfacher, es muss einfacher gehen. Piumarta selbst liefert in seinem Vortrag einige Beispiele dazu. Wir müssen lernen Systeme zu bauen, die einfach und klein im Kern sind, damit einfach verstehbar sind, und skalieren. Erst damit schaffen wir die Grundlage für Systeme, die vielleicht irgendwann auch einmal einfach bedienbar sind und sich zuschneiden lassen auf die Bedürfnisse ganz spezieller Nutzergruppen.

Wer sich für solche Überlegungen interessiert, dem sei der oben verlinkte Vortrag ans Herz gelegt. Über das zugrunde liegende Objektsystem habe ich schon einmal berichtet im Beitrag "'Open, reusable object models' in Python". Mehr an solchen radikalen Überlegungen lassen sich beim Viewpoint Research Institute unter "Fundamental New Computer Technologies" finden. Geistiger Urheber vieler dieser Gedanken ist übrigens Alan Kay, ein Urgestein der Informatik.

Hinweis: Monster-Bild von Kaptain Kobold

Kommentare:

Name.SetNameByID hat gesagt…

Um komplexe System kleiner zu machen müssten wir entweder eine Version für User und eine für ITler machen, was dazu führt das wenn man mal etwas in der kleinen Version nicht hat die andere nutzen müsste.
Oder wir schreiben umfangreiche PlugIn Systeme, was den Nachteil hat das es 1. langsamer ist und 2. wir uns durch eine große Masse PlugIns kämpfen müssen, auch der jenige der kein ITler ist und zusätzliche Möglichkeiten haben möchte.
Wir sollten uns da fragen: Löst es das Problem wenn wir die vielfalt in PlugIns konservieren und im Endeffekt das selbe Problem haben?
Die frage selber ist hier die Antwort: Nein, wir lösen keine Probleme wir verstecken.

Wie ich finde eine sehr interessante Sache mit der ich mich gerne weiter beschäftigen möchte.

Wir müssen nicht beschneiden, sondern die Interfaces besser dokumentieren und vereinheitlichen (zumindest diese die nur für "User" da sind)

p.s. normalerweise schreibe ich keine Kommentare in Weblogs, aber bei diesem könnte man sich das fast angewöhnen. Weblogs sind meiner Meinung nach mehr als Ideenspeicher sie sind schon eine Form ausgewählter Ideenspeicher und gut zum Strukturieren dieser und zum Publizieren. Endlich ein Weblog das nicht auf Masse sondern auf Klasse setzt : live :

auch möchte ich noch sagen ich bin "nur" Hobby-Anwendungsentwickler und kann daher wenig zu den internen Abläufen sagen, ich finde es aber so logisch.

MfG Name.SetNameByID

dh hat gesagt…

Danke für das nette P.S. Ihre Idee, eine Version für User und eine andere für ITler zu machen, verfolge ich selbst seit einiger Zeit. Allerdings aus einem anderen Blickwinckel. Gedanken dazu finden sich in dem Beitrag User, Domain and Realization Models.


"User, Domain and Realization Models".